Ergänzungsprotokoll zur Universalen Sozialkonvention

October 2022 · Last updated 2022-11-10 · 559 words

Ich interessiere mich f√ľr die Geschichte Mexikos, insbesondere f√ľr die Geschichte der Kolonialisierung und des Umgangs der meist europ√§ischen Besatzer mit der indigenen Bev√∂lkerung.

Die “Zeitschrift f√ľr Politik, Literatur, Kunst” Die Aktion Heft 137 / 144, Ausgabe III / 1995 ist betitelt “Berichte und Nachrichten zum Aufstand in Chiapas-Mexiko Land und Freiheit Erkl√§rungen der Zapatisten nebst Briefen von Subcommandante Marcos”.

Sie enthält unter anderem diese, wie ich finde, sehr gute Erklärung:

Um die Zapatisten zu verstehen

Von Marta Dur√°n de Huerta Pati√Īo

Es gibt vieles, was die Zapatisten der Welt bieten k√∂nnen. Das wichtigste ist ihr Konzept von Demokratie, das nichts mit der parlamentarischen Farce der “freien Welt” zu tun hat. Die Zapatistas, das hei√üt, die Ethnien von Chiapas, praktizieren eine uralte Regierungsform, die darin besteht, einem Mitglied der Gemeinschaft, das auf das Vertrauen und den Respekt des Kollektivs z√§hlen kann, eine bestimmte Aufgabe zu √ľbertragen. Wenn diese Person die Aufgabe schlecht macht oder ihre Stellung mi√übraucht, wird die Gemeinschaft sie abl√∂sen und vielleicht auch bestrafen. Alle Entscheidungen werden kollektiv gef√§llt. Es spielt keine Rolle, wieviel Zeit man zum Diskutieren braucht, denn Zeit ist das einzige, was man reichlich hat. Die wichtigsten Fragen werden zur Abstimmung gestellt. Das Ergebnis wird schriftlich fixiert. Auch Kinder ab zehn Jahren k√∂nnen abstimmen. Dies ist eine jahrhundertealte Tradition. […]

Auf Seite 77 findet sich eine deutsche √úbersetzung einer Audio-Botschaft von Subcommandante Insurgente Marcos an die Teilnehmer eines gesellschaftlichen Dialogs “um die Suche nach zivilen und friedlichen Wegen zur L√∂sung der Probleme zu verst√§rken”. Die Kassette wurde aus von Milit√§r umzingelten Gebiet herausgeschmuggelt, und enth√§lt neben Gr√ľ√üen folgenden Text:


In der Folge stellen wir Euch unseren Vorschlag eines “Erg√§nzungsprotokolls” vor, das in die “Universale Sozialkonvention” aufgenommen werden soll, die Ihr verabschieden werdet. Wir gehen davon aus, da√ü unser Vorschlag wie alle anderer Eurer Diskussion unterworfen wird, und wir akzeptieren bereits jetzt die Entscheidung, die Ihr treffen m√∂gt.

Ergänzungsprotokoll zur universellen Sozialkonvention

Die am heutigen Tag an diesem Ort versammelten Menschen fordern:

  1. Daß stets die Vernunft und nie die Stärke gewinnt.
  2. Da√ü die Mehrheit findet, was sie zur Mehrheit macht, und ihren Willen gegen√ľber der Minderheit durchsetzt, ohne da√ü dabei diese Minderheit verschwindet und ohne ihr Recht zu beschneiden, Mehrheit zu werden.
  3. Da√ü ein beliebiger Mann an einem beliebigen Ort in einer beliebigen Welt einer beliebigen Frau eine beliebige Blume schenken kann und da√ü diese Frau sich f√ľr diese Blume nicht mit einem beliebigen L√§cheln bedankt, sondern mit dem besten und einzigen.
  4. Da√ü das Morgen nicht mehr ein gro√ües Fragezeichen oder ein kommendes Ungl√ľck, sondern das Morgen eben genau das ist: das Morgen.
  5. Daß die Nacht keine Höhle der Angst ist, ein Becken des Wunsches soll die Nacht sein.
  6. Da√ü die Traurigkeit mit einer einfachen Geste der Verachtung eingesch√ľchtert wird und da√ü die Freude und das Lachen umsonst sind und niemals fehlen.
  7. Da√ü es f√ľr alle immer Brot gibt, um den Tisch zu erhellen, Bildung, um das Unwissen zu vertreiben, Land, um Zukunft zu ernten, ein Dach, um die Hoffnung zu beherbergen, und Arbeit, um die H√§nde zu w√ľrdigen.

Die √úbersetzung finde ich nicht schlecht, bestimmt ist das Original ist noch eloquenter. Wenn ich es finde, verlinke ich es hier. Auch wenn Teile davon nach 27 Jahren und au√üerhalb des Kontexts etwas antiquiert erscheinen - ich mag den Text sehr: Eine humanistische Vision inmitten eines B√ľrgerkriegs. Poesie anstatt juristische Fachausdr√ľcke. Und kein Wort zu viel.

Portrait

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